Hamburger Abendblatt, 15.11.2008

Klartext: Marion Engelhardt über kreative Personalarbeit

Weiterbildung statt Entlassung

Nach Qualifizierung: Von Entlassung bedrohte Mitarbeiter haben bessere Jobs

Abendblatt: Immer wieder hört man von Unternehmen, die Mitarbeiter entlassen – gleichzeitig aber Fachkräfte suchen. Auch bei der Firma ALSTOM, für die Sie bis September dieses Jahres als Personalleiterin tätig waren, wurden im vergangenen Jahr 400 Stellen abgebaut – und gleichzeitig ein Fachkräftemangel vermeldet. Wie passt das zusammen?

Marion Engelhardt: Wir hatten einen Rückgang der Auslastung im Fertigungsbereich und parallel dazu offene Stellen für Ingenieure und Techniker. Das bedeutet: Einerseits mussten wir uns damit abfinden, dass wir uns von einem Teil der Produktionsmitarbeiter trennen mussten. Auf der anderen Seite mangelte es uns an Spezialisten in den Bereichen Entwicklung und Konstruktion.

Abendblatt: Wie haben Sie darauf reagiert?

Engelhardt: Um Stellen abzubauen, haben wir in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat ein Perspektivenprogramm gestartet. Mitarbeitern wurden unter anderem Altersteilzeit, Versetzungen und Aufhebungsverträge angeboten – auf freiwilliger Basis. Damit haben wir die Unterauslastung ohne betriebsbedingte Kündigungen in den Griff bekommen. Einen wichtigen Beitrag geleistet hat aber auch eine langfristig angelegte Fortbildungsinitiative, mit der wir gleichzeitig den Fachkräftemangel bekämpfen konnten. Mit dieser Initiative haben wir es den Facharbeitern aus der Produktion ermöglicht, das Unternehmen für eine Zeit zu verlassen und sich weiterzuqualifizieren. Sie durchlaufen zum Beispiel eine Technikerausbildung oder absolvieren Studiengänge im Bereich Ingenieurwesen und Logistik. Hinzu kommen Qualifikationen zum Erwerb des Hochschulzugangs und firmeninterne Kurse. Wer für einen längeren Zeitraum aus dem Unternehmen ausgeschieden ist, erhält ein Stipendium von monatlich 1200 Euro. Die kürzeren Inhouse-Schulungen haben wir mit Lohnfortzahlung angeboten.

Abendblatt: Was ist das Besondere an dem Programm?

Engelhardt: Dass es nicht darum geht, High Potentials zu fördern. Das tut Alstom ohnehin. Mit dem Programm wollten wir gezielt eine Höherqualifikation auf breiter Ebene erreichen. Das war für uns neu. Im Vorfeld wussten wir daher nicht, wie bei dieser Zielgruppe die Aufstiegsmotivation und die Weiterbildungsbereitschaft überhaupt aussehen würden.

Abendblatt: Wie wurden die Facharbeiter an das Programm herangeführt?

Engelhardt: Gemeinsam mit unseren regionalen Bildungspartnern wie der Technikerschule der Stadt Braunschweig und der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel sowie Arbeit und Leben Niedersachsen haben wir eine Bildungsmesse durchgeführt, bei der die Fortbildungsmöglichkeiten vorgestellt wurden. Zu dieser Veranstaltung kamen mehr als 200 Mitarbeiter. Die haben sich dort mit Fragen auseinandergesetzt wie: Wo stehe ich? Welche Voraussetzungen habe ich? Und was kann ich überhaupt noch für mein berufliches Weiterkommen tun? Danach haben wir mit Tests und Gesprächen die Mitarbeiter bei der Auswahl einer Maßnahme unterstützt.

Abendblatt: Wie ist das Ergebnis?

Engelhardt: Das Ergebnis hat unsere Erwartungen übertroffen. Die Bildungsträger und auch die Mitarbeiter äußern sich äußerst positiv. Zum Beispiel sind diejenigen, die bereits aus Schulungen zurückgekommen sind, heute sehr viel selbstbewusster. Dieses Weiterbildungskonzept ist eine Innovation im Umgang mit Unterauslastung. Es bringt nicht nur zufriedene Mitarbeiter, sondern auch Wettbewerbsvorteile.

Interview: Andrea Bittelmeyer

 

zur Person:

Marion Engelhardt (49) arbeitete nach einer Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau und einem sozialwissenschaftlichen Studium an der Technischen Universität Braunschweig zunächst in der Erwachsenenbildung. Im Jahr 1996 wechselte sie zum Siemens-Konzern in Braunschweig, wo sie unter anderem die Einführung von Gruppenarbeit verantwortete. Später war sie als Vice President bei Adtranz/Bombardier europaweit für mehr als 8000 Mitarbeiter verantwortlich. Ende 2006 kam sie als Personalleiterin zu ALSTOM Transport nach Salzgitter. Im September verließ sie das Unternehmen, um sich selbstständig zu machen. Seit Oktober dieses Jahres berät sie unter dem Logo “keep competence!“ als selbstständige Expertin Unternehmen bei ihrer strategischen Personalarbeit. Spezialisiert hat sie sich auf die Themen Firmenzusammenschlüsse, Personalabbau und Outsourcing.

Der Standort Salzgitter ist im französischen ALSTOM-Konzern das internationale Kompetenzzentrum für Regionaltriebzüge und Regionalstadtbahnen sowie Produktionsstätte für Drehgestelle und Güterwagen. Rund 2200 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Gefertigt wird in Salzgitter auch die neue U-Bahn-Generation für Hamburg. Bis zum Jahr 2013 sollen die ersten 27 Züge in der Hansestadt ausgeliefert werden – mit Option auf mindestens 40 weitere bis 2015.