Financial Times Deutschland, 4.5.2007

Auf ewig Schüler

Nach ihrem 40. Geburtstag werden Mitarbeiter vielerorts aus ihren Jobs gedrängt. Beim Technikkonzern Philips hingegen werden sie auf neue Aufgaben vorbereitet.

"Wahnsinnig aufgeregt" war sie. Eine Prüfung stand an, so wie früher, und genauso wichtig für den weiteren Berufsweg. Sollte sie sich das antun, mit 43 Jahren? Cordula Gottschling hat nicht gezögert. Zwei Tage lang reihte sich Übung an Übung, bewertet von fünf Beobachtern. "Development Center" nennt der Technikkonzern Philips diesen Test, vor gut zwei Jahren eigens entwickelt für ältere und erfahrene Führungskräfte.

Am ersten Tag im Development Center bekommen die Manager ausgiebiges Feedback zu ihrem Auftreten und ihrem Führungsstil. Der zweite Tag dient der Selbstreflexion: Habe ich erreicht, was ich mir vor 10 oder 20 Jahren vorgenommen habe? Welche Qualifikationen brauche ich für die Zukunft? Aber auch: Was kann Philips mir noch bieten? Es wird ein Stärken- und Schwächenprofil erstellt, auf dem anschließend ein Entwicklungsplan aufbaut, Fortbildung inklusive.

Wichtiger Weiterbildungsschub

Der Weiterbildungsschub ist laut Philips nicht nur für die Führungskräfte wichtig, die sich mit steigendem Rentenalter und einer rapide sinkenden Halbwertszeit des Wissens konfrontiert sehen. Auch der Konzern ist darauf angewiesen, seine guten Leute lange einsatzbereit zu halten. Denn "die Strategie, die älteren Mitarbeiter mit 55 Jahren in den Vorruhestand zu schicken und möglichst viele junge einzustellen, wird nicht mehr aufgehen", sagt Markus Posch, Personalleiter für Philips Deutschland, Österreich und die Schweiz. "Es wird ganz einfach nicht mehr genug Nachwuchs geben."

Mittvierziger Posch reagiert auf eine Entwicklung, die viele Unternehmen zu verschlafen drohen. Zwar belegen zahlreiche Studien, dass Firmen als Folge des demografischen Wandels der Nachwuchs ausgeht, und ebenso viele Studien zeigen Personalmanager, die sich dieses Problems bewusst sind - doch in den Unternehmen passiert nichts. Das besagt eine weitere Studie: Die Managementberatung Capgemini Consulting fahndete in von ihr untersuchten Firmen vergeblich nach einer gezielten Weiterentwicklung der Fähigkeiten älterer Mitarbeiter. Das lohne sich nicht, bekamen die Berater zu hören, denn alten Menschen mangele es sowohl an Flexibilität als auch an Mobilität.

Kann stimmen, sagt Posch, muss aber nicht. Das Development Center versteht er auch als Weckruf für die Führungskräfte, die teilweise seit Jahrzehnten den Trott im Philips-Hamsterrad verinnerlicht haben: "Ihr müsst eure Qualifikationen aktuell halten und euch an der künftigen Entwicklung von Philips orientieren." Mehr als 100 Mitarbeiter haben die Weiterbildung bereits durchlaufen, die meisten von ihnen zwischen 40 und 50 Jahre alt. Die Teilnahme ist auch für Ältere möglich - und erwünscht. Posch: "Zwischen dem 55. und dem 65. Lebensjahr liegen noch zehn Jahre. Das ist genug Zeit, um noch zweimal eine neue Aufgabe anzupacken."

“Ich will hier noch viel erreichen”

Dann hat Manfred Ladurner noch Zeit für fünf neue Aufgaben. Früher war der 42-Jährige meist als einzelkämpferischer Spezialist eingesetzt, nach den beiden Center-Tagen hat er bei Philips Österreich eine klassische Führungsaufgabe übernommen. Ladurner: "Ich leite ein Team von vier Leuten, die ich führe und beurteile." Ladurner ist keine Ausnahme: Viele Absolventen des Programms steigen in der Hierarchie auf oder übernehmen neue Aufgaben.

Das gilt auch für Karl-Heinz Hohaus, Entwicklungsleiter Sondermaschinen bei Philips in Aachen. Er hat sich ein "Wachstum innerhalb der Funktion" verordnet. Im Fall des studierten Maschinenbauers heißt das: weniger Tagesgeschäft, dafür mehr Managementtätigkeit und eine stärkere Konzentration auf strategische Fragen. Der 52-jährige Chef von 50 Mitarbeitern denkt noch lange nicht an Pension: "Ich will hier noch viel erreichen."

Cordula Gottschling sagt dasselbe. Sie hat in den beiden Tagen ihr Verhandlungsgeschick wiederentdeckt. Das könnte sie im Außendienst gut nutzen - im Moment allerdings ist sie Leiterin von 26 Mitarbeitern im Innendienst. Und weil ihre drei Kinder noch zu klein sind, kommt ein Wechsel nicht infrage - zumindest jetzt nicht. Später hingegen, sagt Gottschling, könnte sie sich einen Wechsel durchaus vorstellen. Schließlich hat ihr das Development Center soeben signalisiert: "Philips rechnet noch einige Jahre mit mir."

ANDREA BITTELMEYER

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