managerSeminare, Januar 2013

Das Kopfkino ausschalten

Je hektischer es im Job wird, desto ruhiger  werden die Gegenmaßnahmen: Die stillste von ihnen ist die Meditation. Sie gilt in Businesskreisen zunehmend als wirkungsvolle Methode, um den  Geist klar und leistungsfähig zu halten. Wie aber genau funktioniert die Technik? Wie aufwendig ist es, sie zu erlernen? Und lässt sich mit Meditationskursen vielleicht sogar die Unternehmenskultur verbessern?

Menschen, die reglos im Schneidersitz verharren, waren Frank Kierdorf früher eher suspekt: „Die sind fernab der Welt und schweben in ganz anderen Sphären“, dachte der Wirtschaftsprüfer. Er stellte sich vor, dieser Zustand sei nur mit ominösen und esoterischen Techniken zu erreichen. Als Kierdorf jedoch bei einem Work-Life-Balance-Seminar selbst erste Meditationsversuche machte, merkte er: „Da gibt es gar kein großes Geheimnis. Es geht einfach darum, in der Stille zu sitzen und nichts zu tun.“ Kierdorf lernte, sich auf seinen Atem zu konzentrieren und Körperregionen bewusst wahrzunehmen. Er übte, die Gedanken, die ihm dabei immer wieder in den Kopf schossen, kommen und wieder ziehen zu lassen – ohne sie zu bewerten und ohne sich in ihre Inhalte zu verstricken.

Kierdorf, der für einen Sparkassenverband arbeitet, besuchte das Seminar in einer Lebensphase, in der er einen schweren persönlichen Schicksalsschlag zu verkraften hatte und unter starkem Druck stand. Er bemerkte, dass ihn bereits die ersten Meditationsversuche beruhigten und besuchte einen weiterführenden Kurs. Seitdem meditiert Kierdorf täglich und profitiert auch langfristig. „Ich bin weniger gestresst und verkrampft und arbeite effektiver“, erklärt er. Meditieren empfindet er schon lange nicht mehr als weltfremd, sondern ganz im Gegenteil: als große Hilfe bei der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen.

Damit berichtet Kierdorf von einer Erfahrung, die in jüngster Zeit zahlreiche Fach- und Führungskräfte machen und die den Anbietern entsprechender Seminare rege Nachfrage beschert. So erklärt zum Beispiel Dr. Alexander Poraj vom Benediktushof im bayerischen Holzkirchen, der Führungskräfte in der Zen-Meditation unterweist: „Immer häufiger kommen Manager und Unternehmen auf uns zu.“ Das entsprechende Angebot im Kloster – vor einigen Jahren mit einem einzelnen Leadership-Kurs gestartet – wurde zum Jahr 2013 stark erweitert und füllt jetzt ein dickes Programmheft.

Anfragen aus der Wirtschaft mehren sich

Auch die Kölner Meditationslehrerin Tatini Petra Buunk bemerkt neben dem gestiegenen Medieninteresse einen größeren Zulauf aus der Wirtschaftswelt. Häufiger entpuppen sich ihre Kursteilnehmer als gestresste Manager, auch bei ihr mehren sich die Anfragen von Unternehmen. Buunk lehrt eine Form der Achtsamkeitsmeditation, die von dem amerikanischen Medizin-Professor Jon Kabat-Zinn entwickelt und unter dem Namen Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) in den USA und Europa bekannt wurde. Zunächst wurde sie in Kliniken eingesetzt, um Menschen mit schweren Krankheiten zu helfen. Nach einem achtwöchigen Trainingsprogramm bemerkten die Patienten, dass sie erheblich besser mit ihren Schmerzen, Ängsten und Belastungen umgehen können. Sie verließen die Klinik mit wesentlich gebesserten Symptomen, aber auch mit größerem Selbstvertrauen, Optimismus und Durchsetzungsvermögen. Damit berichteten sie von Auswirkungen, die auch gesunde Menschen hellhörig werden ließen.

Auch wissenschaftlich sind die positiven Effekte der Meditation mittlerweile nicht nur bei Schmerzen, Bluthochdruck und Depressionen nachgewiesen. So untersuchte zum Beispiel das Bender Institute of Neuroimaging (BION), Gießen, die Auswirkungen von Meditation auf das individuelle Leistungsvermögen sowie die Fähigkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Befragt wurden die Teilnehmer einer dreijährigen Weiterbildung, die neben der Persönlichkeitsentwicklung auch eine regelmäßige Meditationspraxis beinhaltete. Das Ergebnis: Nach einem Jahr fühlten sich 73 Prozent der Befragten authentischer und mehr wie sie selbst, 56 Prozent gelang es, sich mehr Freiheit bei beruflichen Entscheidungen zu nehmen. 54 Prozent fühlten sich insgesamt leistungsfähiger. MRT- und EEG-Messungen bestätigten zudem: Die Fähigkeit, über längere Zeiträume Zustände tiefer Konzentration zu erreichen, war deutlich gewachsen.

Zahlreiche weitere Studien belegen, dass regelmäßiges Meditieren diejenigen Gehirnregionen verändert, die mit der Kontrolle von Wahrnehmung und Emotionen in Verbindung gebracht werden. Aber es sind nicht nur diese neuen wissenschaftlichen Weihen, die der Meditation aus ihrem Nischendasein herausgeholfen haben. Als mindestens ebenso bedeutsam kann die zunehmende Loslösung von ihrem religiösen Hintergrund betrachtet werden. So nutzt zum Beispiel der Medizinprofessor Kabat-Zinn das Meditieren, das seinen Ursprung im Hinduismus, Buddhismus und unter der Bezeichnung Kontemplation auch im Christentum hat, ganz pragmatisch und weltlich. Er vertritt, wie es der Neurowissenschaftler Dr. Ulrich Ott vom BION formuliert: „eine moderne und abgeklärte Sichtweise, nach der Meditation als Werkzeug der Selbsterforschung, Selbstregulation und Selbsterkenntnis eingesetzt wird.“ Ott ist Autor des Buches „Meditation für Skeptiker“ (siehe Kasten), mit dem er ganz gezielt diejenigen Menschen anspricht, die sich keiner religiösen Tradition anschließen wollen.

Loslösung vom religiösen Hintergrund

Lässt man die Glaubensfragen weg und vergleicht die verschiedenen Meditationstechniken, wird schnell deutlich, dass ihr Kern immer derselbe ist: „Es geht um die stetige Übung, in der Gegenwart zu sein“, erklärt Zen-Lehrer Poraj ebenfalls ganz nüchtern. Im Arbeitsleben, aber auch im Privaten, sind wir stets auf ein Ziel ausgerichtet, sagt er. Wir tun etwas, um damit etwas zu erreichen. Die Folge, so Poraj: „Wir sind in Gedanken immer einen Schritt voraus und nie gegenwärtig.“ Damit aber fühlen wir uns auch ständig gehetzt und getrieben. Der zufriedene Zustand, den wir herbeisehnen, stellt sich niemals ein. Bei den meisten Tätigkeiten sind wir unkonzentriert und mit den Gedanken weit weg.

Achtsam sein im Augenblick

Bei der Meditation hingegen geht es um die systematische Schulung der Achtsamkeit im Augenblick. Darum, den Moment wahrzunehmen, so wie er ist. Ohne Ziel und auch ohne das Erfasste zu interpretieren oder etwas ändern zu wollen. Aufkommende Gedanken und Gefühle werden beobachtet, aber nicht bewertet oder bekämpft. Um diesen Zustand der inneren Einkehr zu erreichen, konzentrieren sich die Meditierenden zum Beispiel auf ihren Atem, auf bestimmte Körperregionen, bildhafte Vorstellungen oder bestimmte emotionale Qualitäten.

Obwohl die Anleitungen zur Meditation häufig ganz einfach klingen, ist die Praxis alles andere als leicht. Wer zum Beispiel zum ersten Mal versucht, sich allein auf seinen Atem zu konzentrieren, merkt schnell: Es drängen sofort unzählige Gedanken in den Kopf: Habe ich auch alle E-Mails verschickt? Bin ich auf das Meeting morgen ausreichend vorbereitet? Oder auch ganz banal: Muss ich noch etwas für das Abendessen einkaufen? Sanft, so erklären die Meditationslehrer, gilt es dann, die Aufmerksamkeit wieder auf den Atem zu lenken.

Geduldiges Zähmen der Gedanken

So entpuppt sich das geduldige Zähmen der Gedanken als die größte Herausforderung beim Meditieren. Denn unser Gehirn sendet unentwegt Reize aus, in der Hoffnung, dass einer dabei ist, den wir aufgreifen und der uns weiterbringt. Wählen wir keinen aus, werden permanent neue angeboten. Das aber überfordert uns. Unser Gehirn bleibt sozusagen hängen und stürzt schließlich ab. Paul J. Kohtes, ehemaliger PR-Manager und prominenter Vorreiter von Zen im Management, erklärt dazu in einem seiner Bücher (siehe auch Kasten): „Diesen Zustand nennen wir persönliche Krise. Ausgelöst wird er durch eine Reizüberflutung, die unser Gehirn irgendwann überfordert und uns nicht mehr klar denken lässt.“

Wer regelmäßig meditiert, ist dem verhängnisvollen Gedankenkarrussel nicht länger schutzlos ausgeliefert. Die permanent an die Oberfläche drängenden Wünsche, Vorstellungen, Erwartungen und Sorgen lassen sich durch die regelmäßige Praxis besser sortieren und sogar bewusst abschalten. So erklärt die Kölner Anwältin Sabine Kleidon: „Ich kann jetzt viel besser sagen: Schluss für heute, das bringt jetzt nichts mehr.“ Zur Unterstützung führt sie jeden Abend den so genannten Body Scan durch, eine zentrale Übung aus dem MBSR-Programm, bei der die Aufmerksamkeit von den Zehen bis zum Scheitel durch den ganzen Körper gelenkt wird. Ihre Einschlaf- und Durchschlafstörungen sind verschwunden.

Kleidon kam vor 2,5 Jahren mit heraushängender Zunge in ihrem MBSR-Kurs an. „Ich habe  einen Riesenstress ausgestrahlt“, erinnert sich die Anwältin. In dem Zimmer mit Meditationskissen, Matten, dicken Decken und Kerzen und fragte sie sich: „Oh Gott, wo bist Du gelandet?“ Aber auch sie blieb, denn sie wusste: Um einen drohenden Burnout zu vermeiden, musste sie unbedingt etwas tun. „Ich fühlte mich wie der sprichwörtliche Hamster im Laufrad“, erzählt sie. Als Anwältin arbeitete sie zehn Stunden am Tag, abends besuchte sie häufig Veranstaltungen. Heute kommt sie nicht nur häufiger zur Ruhe, auch sie erklärt: „Ich bin wesentlich leistungsfähiger. Ich schaffe mehr Arbeit in derselben Zeit.“

Die positiven Auswirkungen, von denen die Anwältin Kleidon und auch Wirtschaftsprüfer Kierdorf berichten, werden immer wieder bestätigt. So konnte auch Tobias Esch, der als Medizinprofessor an der Hochschule Coburg Studierende in Achtsamkeitstechniken schult,  in einer Studie jüngst „sehr starke Effekte“ auf die körperliche und geistige Lebensqualität sowie das persönliche Stressempfinden nachweisen. Die Studierenden bemerken seiner Erfahrung nach, dass sie erholsamer schlafen und nicht mehr so schnell in Streit geraten. Manager, mit denen Esch ebenfalls arbeitet, berichten, dass sie einen klareren und ruhigeren Geist haben und bessere Entscheidungen treffen.

Auch Tatini Petra Buunk weiß von zahlreichen erfreulichen Effekten: „Mit dem regelmäßigen Üben stellt sich bei den Teilnehmern mehr Frieden mit den eigenen Fehlern ein“, hat sie beobachtet. Die Teilnehmer könnten mit der Zeit besser „Nein“, aber auch „Ja“ sagen. Die seelische und mentale Flexibilität nehme zu. Die konkreten Handlungsimpulse allerdings könnten dabei höchst unterschiedlich sein: Für den einen bedeute das vielleicht, mehr aus sich rauszukommen, für den anderen, sich mehr zurückzuziehen.

Insgesamt gilt: Mit dem ersten Üben stellen sich Ruhe und Gelassenheit ein. Später gehen die Veränderungen tiefer. So erklärt auch Poraj: „Die Ich-Struktur verändert sich, man ist weniger ängstlich und nicht mehr so stark abhängig von Konventionen.“ Die Kunst, in der Gegenwart zu bleiben, versteht Poraj nicht nur als Unterstützung, sondern als Bedingung für ein gelungenes Selbstmanagement.

Gefühle bewusst wählen

Auch Dr. Kai Romhardt, Meditationslehrer und Initiator des Netzwerks achtsame Wirtschaft, erklärt: „Für die Selbstentwicklung ist Achtsamkeit eine wichtige Voraussetzung.“ Im Alltag würden wir gar nicht registrieren, wie automatisiert wir reagieren, wie blitzschnell schnell wir urteilen und uns unter Handlungszwang fühlen. Nach einiger Meditationspraxis jedoch bemerke der Übende: Ich kann anders handeln, als ich es gewohnt bin. Ich kann bewusst entscheiden: Rege ich mich auf oder bleibe ich ruhig? Wähle ich Eifersucht oder Mitfreude? Sehe ich nur das Schlechte oder auch das Gute?

Von Außenstehenden wird Meditation oftmals mit Sitzmeditation gleichgesetzt, sie lässt sich jedoch auch im Liegen oder im Gehen praktizieren. Häufig ist die Gehmeditation für Manager sogar der bessere Einstieg. So erklärt Buunk: „Gerade stark eingespannte Führungskräfte können anfangs oft nicht minutenlang still sitzen.“ In einer Gruppe, die sie kürzlich geleitet hat, waren drei von zwölf Managern anfangs so unruhig, dass an Sitzen gar nicht zu denken war.

Achtsam die Treppe hinaufgehen

Darüber hinaus lässt sich das Grundprinzip der Meditation auch in die verschiedensten alltäglichen Tätigkeiten einbringen. „Ich kann achtsam eine Treppe raufgehen und achtsam Auto fahren“, erklärt Poraj und beschreibt damit den zweiten wichtigen Teil des Achtsamkeitstrainings – die so genannte informelle Praxis, die die formale Praxis des Meditierens ergänzt. Sie besteht darin, sich vollkommen auf die Sache zu konzentrieren, die man gerade verrichtet. Das wiederum bringt nicht nur größere Ruhe, sondern verspricht auch gerade bei beruflichen Herausforderungen mehr Erfolg. Denn, so erklären die Meditationslehrer: Wer beispielsweise ein Marketingkonzept entwickelt und dabei ständig daran denkt, was der Vorgesetzte wohl dazu sagt, welchen Zeitaufwand es in Anspruch nimmt und wie es am Markt ankommt, ist ständig abgelenkt und bringt sich damit um seine Konzentrationsfähigkeit und Kreativität.

Poraj bietet in seinem Seminarzentrum verschiedene Kurse an, in denen solche konkreten Auswirkungen auf das Arbeitsleben besprochen werden. Es gibt Zen in Kombination mit Stressmanagement, mit Burnout-Prophylaxe, aber auch mit Führungs- oder Sinnfragen. Bei allen Seminaren spielt die Meditation als Achtsamkeitstraining eine zentrale Rolle. Immer wieder sitzen die Manager etwa 25 Minuten am Stück und werden dabei angeleitet, ihren Atem zu beobachten oder die Gedanken ziehen zu lassen.

Jeden Tag üben

Wer langfristig von der Meditation profitieren will, sollte bereit sein, auch nach dem Seminar täglich zu üben. Dazu erklärt Poraj: „Ebenso wie das Meditieren nicht durch irgendwelche magischen Schritte funktioniert, geht es auch nicht ohne Anstrengung.“ Glücklicherweise jedoch seien Manager diszipliniert. Wenn sie die Meditation ernst nehmen, halten sie seiner Erfahrung nach länger durch als andere Kursteilnehmer. Täglich 15 Minuten üben nennt Poraj als Minimum. Wer diese Zeit nicht am Stück sitzen könne, solle jedoch nicht verzweifeln, sondern sich langsam vorantasten. Das Wichtigste sei zunächst, jeden Tag zu üben.

Auch für Esch ist Meditation gekennzeichnet durch „eine einfache Anleitung und harte Arbeit“. Eine wundersame Erleuchtung sollte seiner Empfehlung nach niemand erwarten. Es könne zwar nach langer Praxis durchaus zu starken Glücksgefühle und ekstatische Momenten kommen, diese sollten jedoch nicht das Ziel sein. „Sonst wird man eine lange Zeit sehr frustriert sein“, mahnt der Meditationslehrer. Die Stressreduktion jedoch stelle sich sehr viel früher ein und funktioniere auch fast immer. Erfahrungsgemäß sei in einer Gruppe von 16 Leuten vielleicht einer dabei, der nicht profitiere.

Esch verfolgt ein Konzept, das dem MBSR-Programm ähnelt und etwa zeitgleich in den USA entstanden ist. Es nennt sich Mind-Body-Medizin und umfasst die typischen Achtsamkeitsübungen, die hier durch Sport, Ernährung und die gezielte Arbeit an hilfreichen Gedankenmustern ergänzt werden. Esch legt großen Wert darauf, dass jeder diejenigen Übungen findet, die zu ihm passen und die sich in den Alltag integrieren lassen. „Es gibt kein fertiges Schema“, meint er und bringt seinen Kursteilnehmern auch Mini-Entspannungen und kleine Rituale bei – zum Beispiel vor jedem Lesen einer E-Mail oder SMS ganz bewusst tief durchzuatmen.

Während sich die entspannende Wirkung der Meditation sehr schnell einstellen kann, haben die Teilnehmer nach drei bis vier Wochen häufig die ersten größeren Aha-Erlebnisse. „Sie merken zum Beispiel, dass sie für ihre negativen Gefühle selbst verantwortlich sind“, erklärt Esch. Oftmals würden sie jetzt erkennen: Ich kann meine stressvollen Momente nicht ändern, aber ich kann sie anders sehen. Und sie beginnen damit, die Verantwortung für ihre Gefühle und Reaktion zu übernehmen. Esch spricht vom „heiligen Moment“, in dem die Teilnehmer die tiefere Botschaft der Meditation verstehen.

Auch Personalleiter Horst Inden, der bei der Vertriebsgesellschaft des Pharmaherstellers Klosterfrau in Köln das Meditieren eingeführt hat, hat mehrere Wirkungsebenen der Meditation ausgemacht. Die erste ist auch hier die persönliche Entspannung und Konzentrationsfähigkeit. Die zweite der achtsame und wertschätzende Umgang miteinander im Unternehmen, der sich automatisch einstellt, wenn die Mitarbeiter ruhiger und geduldiger sind und sich gegenseitig besser zuhören. Wenn sie sich begegnen, ohne gegenseitig über sich zu urteilen, gehen sie ganz anders aufeinander zu und verspüren eine ganz andere Verbundenheit. Auf diese Weise – so plant Inden – durchdringt der Geist der Meditation nach und nach die gesamte Unternehmenskultur.

Bei der Klosterfrau Vertriebsgesellschaft hielt das Meditieren zunächst als Impuls in Workshops Einzug, die sich mit jobrelevanten Themen wie Selbstmanagement, Zeitmanagement oder Konfliktmanagement befassten. Im Jahr 2009 wurde das Angebot auf MBSR-basierte Acht-Wochen-Kurse erweitert. Die Firma zahlt den Kurs und stellt die Räume zur Verfügung, die Mitarbeiter nehmen in ihrer Freizeit teil. „Auf Anhieb bekamen wir vier Kurse voll“, erinnert sich Inden. Wie für das MBSR-Programm üblich, verpflichteten sich die Teilnehmer, täglich zu Hause üben.

Meditation als Burnout-Prophylaxe

„Meditation wird in der Wirtschaftswelt künftig eine wichtige Rolle spielen“, ist Inden überzeugt und führt die eigene Firma als Beispiel an. „Wir können uns aus dem allgemeinen Trend nicht rausnehmen. Auch bei uns klagen die Mitarbeiter zunehmend über Stresssymptome wie Schlafstörungen, Ohrensausen oder Kopfschmerzen“, sagt er. Gerade unter den Mitarbeitern, die unter Umsatzdruck stehen, habe es bereits auch Burnout-Fälle gegeben. 200 von 500 Mitarbeitern in Köln haben bei Klosterfrau bereits an den MBSR-Kursen teilgenommen.

Inden selbst kam aus gesundheitlichen Gründen zum Meditieren und praktizierte über lange Zeit täglich. Heute weiß er vor allem die informelle Praxis zu schätzen. Für ihn bedeutet das, so erklärt der Personalmanager: „Immer, wenn ich zu einer Treppe komme, gehe ich sie ganz achtsam herauf, spüre jedem Schritt nach und fühle, wie mein Körper auf die Anstrengung reagiert.“ In der Schlange vor der Kasse überlegt er: Welche Achtsamkeitsübung könnte jetzt passen? Mache ich eine Atemübung oder scanne ich kurz meinen Körper?

Vorbilder wie den Klosterfrau-Personalleiter wünscht sich Achtsamkeitsnetzwerker Kai Romhardt für die Unternehmenswelt. Gerade bei mittelständischen Unternehmen sei es auch ein guter Schritt, wenn der Geschäftsführer selbst den Anfang mache. Meist würden die Mitarbeiter dann sogar von selbst neugierig werden, weil der Chef offener und entspannter ist und vielleicht auch weniger Wutausbrüche hat. Meditation ist nichts, was man vorschreiben sollte, meint Romhardt. Sie sei viel mehr eine Einladung.

Die Einstellung zu sich selbst und anderen verändern

Die spricht auch Ernst Gugler in seinem Unternehmen aus. Mittlerweile selbst Yogalehrer bietet der Geschäftsführer einer nachhaltig ausgerichteten Druckerei im österreichischen Melk Kurse für seine 100 Mitarbeiter an, in denen auch ausgiebig meditiert wird. Gugler selbst steht jeden Tag um halb sechs auf, um eine halbe Stunde in der Stille zu sitzen. Es folgen 1,5 Stunden Yoga. „Das tut mir gut“, berichtet er. „Ich werde immer ruhiger, kann abends abschalten und denke nicht mehr an die Firma.“ Im Jahr 2008 war das noch ganz anders: Gugler schlitterte knapp an einem Burnout vorbei. Er schlief extrem schlecht, in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, teilweise fühlte er sich nicht mehr in der Lage, ein Meeting zu moderieren. In dieser Bedrängnis fand er erst zum Yoga, dann zum Meditieren im buddhistischen Zentrum.

Früher, so sagt Gugler, war er schnell und fast hektisch unterwegs. Heute bekommt er von seinen Mitarbeitern immer häufiger das Feedback, dass er große Ruhe ausstrahle, ihnen besser zuhöre und viel zugewandter sei als früher. Gugler führt das auf die Meditationspraxis zurück, die nach und nach auch seine Einstellung zu sich selbst, zur Arbeit und zu seinen Mitmenschen verändert hat. Unter anderem hat der Geschäftsführer für sich etwas sehr wichtiges festgestellt: „Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist echte, hundertprozentige Präsenz“, sagt er.

ANDREA BITTELMEYER

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