Produktion, 10. November 2011

Unternehmensanleihen:
Auch nach dem Hype interessant

Die Schuldenkrise erschwert derzeit die Ausgabe von Anleihen erheblich. Dennoch bleiben sie nach Ansicht der Experten ein wichtiges Finanzierungsinstrument für den Mittelstand.

„Im Rückblick sind wir noch sehr gut durchgekommen, derzeit wäre die Platzierung einer Anleihe sicher noch viel schwieriger“, erklärt Armin Distel, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Spaichingen GmbH. Die Ausgabe seiner Unternehmensanleihe erfolgte im Juli 2011 – zu einer Zeit als die Griechenlandkrise die Anleger bereits stark verunsicherte. Sein Unternehmen hat von den geplanten 30 Mio. 23 Mio. Euro frisches Kapital eingenommen – für das damalige Kapitalumfeld war Distel mit diesem Ergebnis zufrieden. Der Zinssatz der Unternehmensanleihe beträgt 7,25 Prozent, die Laufzeit fünf Jahre. Die Maschinenfabrik Spaichingen GmbH ist auf Motoren- und Schweißtechnik spezialisiert. Mit dem Emissionserlös will sie das organische Wachstum der Firma finanzieren, die Produktionskapazitäten und das Produktportfolio erweitern.

Wichtig ist eine schlüssige Story

Das Beispiel der Maschinenfabrik Spaichingen zeigt: Unternehmensanleihen sind für den Mittelstand ein interessantes Finanzierungsinstrument. Der Erfolg hängt jedoch stark vom allgemeinen Marktumfeld ab. So erklärt auch Bernd Papenstein, Partner für die mittelständische Finanzierungsberatung bei der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers: „Bis zum Sommer hatten wir einen regelrechten Hype bei der Ausgabe von Mittelstandsanleihen, aktuell jedoch sind viele Vorhaben auf Warten gestellt.“ Zuletzt konnten die meisten Anleihen nicht voll platziert werden. Viele Unternehmen erzielten sogar nur einen Bruchteil der angestrebten Summe.

Schützen kann man sich davor nur bedingt, wie Geschäftsführer Armin Distel erklärt: „Die Entscheidung, eine Anleihe zu begeben wird meist über ein halbes Jahr vor der Platzierung gefällt – das Kapitalmarktumfeld kann sich aber innerhalb einer Woche völlig drehen.“ Dennoch gibt es auch zahlreiche Faktoren, die ein Unternehmen beeinflussen kann. „Wichtig ist vor allem eine schlüssige Story“, weiß Bernd Papenstein von PwC. Das Unternehmen muss potenziellen Investoren plausibel erklären können, warum es in Zukunft Erfolg haben wird. Zudem müsse der Coupon das Chancen-Risiken-Verhältnis vernünftig abbilden.

Eine Hürde für viele Mittelständler ist laut Papenstein die geforderte Transparenz: Im Wertpapierprospekt und meist auch in einem zusätzlichen Rating werden die Zahlen, Finanzstrukturen und Geschäftsstrategien der Firma offengelegt. Für Armin Distel von der Maschinenfabrik Spaichingen war dies jedoch kein Problem. „Mit unserem derzeitigen stabilen Wachstumskurs haben wir nichts zu verbergen“, erklärt er selbstbewusst. Umso mehr haben ihn die Vorteile des neuen Finanzierungsinstruments überzeugt: „Wir wollen unsere Finanzierung auf eine möglichst breite Basis stellen, um Abhängigkeiten von einzelnen Finanzierungskanälen zu vermeiden.“ Die Anleihe koste zwar ein bisschen mehr, verschaffe ihm dafür aber fünf Jahre Planungssicherheit – und das im Gegensatz zu einer Eigenkapitalfinanzierung ohne Mitspracherechte der Anleger. Und auch Berater Papenstein lobt: „Platziert ein Unternehmen eine Anleihe erfolgreich, hat es für fünf Jahre wirklich schönes stilles Geld.“ Insgesamt erklärt der Finanzierungsexperte: „Wir haben eine neue Quelle für die Mittelstandsfinanzierung erschlossen, dafür sind wir dankbar.“

40 Mittelständler platzierten im letzten Jahr Anleihen

Für das stark gestiegene Interesse der Mittelständler an dem neuen Finanzierungsinstrument steht insbesondere das neue Segment Bondm der Stuttgarter Börse, das im September 2010 eröffnet hat. Das Ziel: Mittelständischen Unternehmen mit einem Finanzierungsvolumen ab 25 Mio. Euro soll hier der Sprung an den Kapitalmarkt erleichtert werden. Zudem erlaubt eine Mindeststückelung ab 1000 Euro auch Privatanlegern das Zeichnen von Unternehmensanleihen. Die wiederum können hier derzeit höhere Renditen erzielen als mit Spareinlagen oder Bundesanleihen.

Der Erfolg gibt Bondm Recht: Ein starkes Jahr nach der Eröffnung im September 2011 waren bereits 18 Anleihen von 16 Unternehmen gelistet. Das Gesamtvolumen betrug über 1,3 Mrd. Euro. Unter den Firmen finden sich die MAG IAS GmbH, die im Januar 2011 eine Anleihe über 50 Mio. Euro voll platzieren konnte und die Dürr AG, die mit zwei Anleihen im Jahr 2010 insgesamt 225 Mio. Euro eingesammelt hat. Insgesamt wurden in Deutschland im Laufe der vergangenen zwölf Monate knapp 40 Anleihen mittelständischer Unternehmen mit einem Volumen von 2,1 Mrd. ausgegeben. Aufgrund der neuen Popularität des Finanzierungsinstruments haben auch in Düsseldorf, an den Börsen Hamburg-Hannover sowie am Entry Standard in Frankfurt entsprechende Segmente eröffnet.

Obwohl auch bei Bondm in jüngster Zeit nicht alle Emissionen voll platziert werden konnten, erklärt SabineTraub, Leiterin der Primary Market Group der Börse Stuttgart und zuständig für den Marktführer Bondm: „Die Nachfrage auf Unternehmensseite ist trotz des schwierigen Marktumfeldes hoch, die Mittelstandsanleihen haben in Deutschland den Durchbruch geschafft.“ Ihrer Ansicht nach werden sie nachhaltig ein wichtiges Finanzierungsinstrument sein – auch wenn sie wie das gesamte Emissionsgeschäft vom Marktumfeld abhängig sind. Traub: „Anleihen sind schließlich auch ein ganz altes Finanzierungsinstrument.“ Sie würden jetzt lediglich von einer neuen Zielgruppe genutzt.

Ein zusätzliches Argument für die Ausgabe einer Anleihe, das Traub oft aus dem Mittelstand hört: „Wer seine Finanzierung auf breitere Füße stellt, hat auch eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Banken.“ Zudem seien aufgrund der künftig strengeren Eigenkapitalvorschriften für Banken die Unternehmen dazu gezwungen, nach Alternativen zur klassischen Kreditfinanzierung zu suchen. Passend dazu ergab eine Studie im Auftrag der Börse Stuttgart: Jeder vierte Mittelständler plant, in Zukunft eine Anleihe zu emittieren. 83 Prozent der Unternehmen sind überzeugt, dass die Unternehmensanleihe weiter an Attraktivität gewinnen wird. Befragt wurden 52 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen.

Bewusste Kommunikation soll Bekanntheitsgrad steigern

Als Hindernisse nennen die Befragten in der Bondm-Studie die einmaligen Kosten einer Anleiheemission, die notwendige Vorbereitungsdauer, zu geringe Finanzierungsbedarfe und ein zu geringes Wissen, was die Durchführung einer Emission betrifft. „Ein Mittelständler braucht bei diesem Schritt Unterstützung“, erklärt auch Armin Distel, der Geschäftsführer der Maschinenfabrik Spaichingen. Er selbst fühlte sich gut beraten – von seiner Muttergesellschaft mit langjähriger Kapitalmarkterfahrung sowie von der zur Firmengruppe gehörende GCI Management Consulting, welche schon mehrere Unternehmen an die Börse begleitet hat. Distel: „Wir wussten sehr gut, was auf um zukommt.“ Aufgrund der bestehenden Verbindungen hat die Maschinenfabrik Spaichingen auch den Entry Standard der Frankfurter Börse gewählt.

Auf eine mögliche weitere Wirtschaftskrise sieht sich die Maschinenfabrik Spaichingen sehr gut vorbereitet. Nach dem krisenbedingtem Rückgang der Umsatzerlöse im Jahr 2009, erhöhte sich der Konzernumsatz im vergangenen Jahr durch die Belebung des Bestandsgeschäftes und verschiedene Produktneuanläufe um 39 Prozent auf 94,8 Mio. Euro. 2011 wird das Unternehmen laut eigenen Prognosen erstmals die 100 Mio.-Euro-Marke überschreiten.

Vor der Ausgabe der Anleihe wurde die Maschinenfabrik Spaichingen in die Top 100 der innovativsten Unternehmen Deutschlands gewählt. „Das kam sicherlich zum richtigen Zeitpunkt“, erklärt Distel, der vor Beginn der Zeichnungsfrist mit der Close Brothers Seydler Bank AG auf Roadshow quer durch ganz Europa ging. Durch eine bewusste Unternehmenskommunikation will er nicht nur Investoren gewinnen, sondern die Anleihe auch nutzen, um den Bekanntheitsgrad des Unternehmens insgesamt zu steigern. Distel: „Wir wollen uns zum Beispiel auch auf dem Arbeitsmarkt eine gute Reputation erarbeiten.“

 

Die Anleihe:

Bei einer Unternehmensanleihe – englisch: Corporate Bond – leiht sich das Unternehmen Geld von den Käufern dieses Wertpapiers. Nach einer bestimmten Laufzeit, in der Regel zwischen zwei und zehn Jahren, wird das Kapital zurückgezahlt. Die Zinsen werden meist jährlich ausgezahlt. Anleihen sind ein Instrument zur Fremdkapitalfinanzierung. Die Anleger erhalten keine Mitspracherechte.

 

Die Erfolgskriterien:

Kapitalmarktreife:
Wichtig ist, dass das Unternehmen in seiner Struktur für institutionelle Investoren interessant ist und dass Bonität und Wachstumsaussichten stimmen. Ebenso muss das Unternehmen in der Lage sein, die geforderten Publizitätspflichten zu erfüllen.

Transparenz:
Eine Anleiheemission geht mit starker Transparenz einher. In dem Wertpapierprospekt, der von der BaFin genehmigt werden muss, werden die Firmenkennzahlen, die Marktstrategie, aber auch die Risiken veröffentlicht, die den Unternehmenserfolg beeinträchtigen können. Hilfreich ist zudem ein Rating einer einschlägigen Ratingagentur wie Creditreform oder Euler Hermes, das von den entsprechenden Börsensegmenten oftmals auch gefordert wird.

Die Story:
Die Geschichte des Unternehmens muss stimmig sein und die Investoren überzeugen. Unter anderem gilt es, Marktstrategie und Wachstumsaussichten schlüssig darzustellen. Bekannte Unternehmen haben hier einen Vorteil. Dennoch waren auch viele am Kapitalmarkt bislang unbekannte Firmen mit ihrer Präsentation erfolgreich. Auch die neuen Börsensegmente helfen bei der Vermarktung der Anleihen.

Der Kupon:
Mit dem gewählten Zinssatz gilt es, das Chancen-Risiken-Verhältnis möglichst gut abzubilden. Nur dann ist das Papier für Anleger interessant. Da die Mittelstandsfirmen von den Ratingagenturen in der Regel mit weniger als BBB eingestuft werden, zählen sie zu den riskanteren Investments und bieten hohe Renditen zwischen sechs und neun Prozent.

Marktumfeld:
Schließlich ist der Erfolg einer Anleiheemission auch vom Marktumfeld abhängig. Hierauf hat ein Unternehmen keinen Einfluss. Dennoch sollte es natürlich versuchen, einen möglichst guten Zeitpunkt zu treffen.

ANDREA BITTELMEYER

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