Sparkasse, April 2007

An einem Strang

Unter Unternehmern sind die so genannten Heuschrecken gefürchtet. Und tatsächlich gibt es in der Private Equity-Branche fragwürdige Praktiken. Dass die negativen Klischees aber nicht auf alle Investoren zutreffen, zeigt ein Beispiel aus Hamburg. Die Beteiligungsgesellschaft Haspa BGM unterstützte einen Unternehmer aus der Elektronikbranche dabei, seine Wachstumspläne umzusetzen – indem sie die Fusion mit einem anderen Unternehmen finanzierte.

Harmonischer könnten sich die beiden Geschäftspartner kaum präsentieren: Nach einer mit Beteiligungskapital finanzierten Fusion zweier Hamburger Unternehmen aus der Elektronikbranche vertragen sich Investor und Unternehmer prächtig. Sie sprechen gar von einem Glücksfall und verkünden einstimmig: „Unsere Vorstellungen decken sich zu 100 Prozent.“

Namentlich freuen sich über ihren gelungenen Deal der Unternehmer Winnfried Grimm und Maximilian Schilling, Geschäftsführer bei der Haspa Beteiligungsgesellschaft für den Mittelstand (Haspa BGM). Gemeinsam zeichnen sie für den Zusammenschluss der Hamburger Unternehmen Lewien Verbindungstechnik und Schaltex verantwortlich. Geboren wurde die Idee vom früheren Lewien-Chef Grimm. Mit 2,5 Millionen Euro frischem Eigenkapital aus dem von der Haspa BGM verwalteten Mittelstandsfonds Hamburg konnte sie realisiert werden.

Begonnen hatte alles bei der Sparkasse. Als der Unternehmer Grimm seine dortige Kundenberaterin nach Finanzierungsmöglichkeiten gefragt hatte, verwies diese ihn an die Beteiligungsgesellschaft. Dort wurden unterschiedliche Szenarien durchgespielt. Für eine Fusion mit der Firma Schaltex sprach, dass sich die Geschäftsführer der beiden Unternehmen kannten und miteinander in Geschäftsbeziehung standen. Daher wusste Grimm: Bei Schaltex waren die beiden Inhaber über 60 Jahre alt und suchten einen Nachfolger.

Die Haspa BGM war in dieser Sache sogar schon einmal aktiv geworden. Ein vorangegangenes Bemühen um eine Nachfolgeregelung war jedoch gescheitert. „Dieses Mal war es einfach die ideale Lösung“, sagt BGM-Manager Schilling. Aus Erfahrung weiß er, dass der Kauf eines mittelständischen Unternehmens oftmals der kritische Punkt bei einer solchen Transaktion ist. Schließlich gehe es um das Lebenswerk des Unternehmers, bei den Verhandlungen sei viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie nötig.

Beides war im vorliegenden Fall offenbar ausreichend vorhanden. Nachdem im Sommer 2006 die Pläne zur Fusion standen, war der Deal bereits im Dezember unter Dach und Fach. Hans-Hinrich Münster, einer der beiden früheren Schaltex-Inhaber, begleitet Grimm zunächst noch als Geschäftsführer bei der Schaltex, damit die Zusammenführung der Unternehmen möglichst ohne Brüche gelingt.

Grimm, dem bereits die Firma Lewien Verbindungstechnik gehört hatte, ist in der Holding der neuen Unternehmensgruppe sowohl Mehrheitsgesellschafter als auch alleiniger Geschäftsführer. Er hatte die frühere Firma Lewien im Jahr 2002 in einem so genannten Management-buy-in übernommen. Seitdem hatte er unter anderem zwei Werke in der Ostslowakei aufgebaut. Hier fertigen insgesamt 54 Mitarbeiter Teile, die in Deutschland nicht kostendeckend produziert werden können.

Bislang spricht vieles für einen Erfolg der neu geformten Schaltex-Lewien-Gruppe. Das Unternehmen Schaltex, einer der führenden deutschen Hersteller für elektronische Systeme, hat soeben das beste Jahr seiner Geschichte abgeschlossen. Lewien Verbindungstechnik, spezialisiert unter anderem auf Kabelkonfektion und die Fertigung komplexer Schalteinheiten, ist seit dem Jahr 2002 von 15 Mitarbeitern auf über 120 Mitarbeiter gewachsen.

Die Lewien-Schaltex-Gruppe wird rund 200 Mitarbeiter beschäftigen und in diesem Jahr voraussichtlich 20 Millionen Euro Umsatz machen. Grimms Ziel ist es, beide Standorte weiter zu entwickeln und Synergieeffekte zu nutzen. „Wir können jetzt vom Kabel bis zum Hightech-Gerät alles aus einer Hand liefern“, sagt er. Ein großes gemeinsames Betätigungsfeld ist zum Beispiel die Verkabelung und Steuerung von Windkraftanlagen.

Die Haspa BGM, die Grimm den Erwerb der zweiten Firma ermöglicht hat, ist eine 100-prozentige Tochter der Hamburger Sparkasse AG (Haspa). Sie konzentriert sich auf die Eigenkapital-Finanzierung mittelständischer Unternehmen in Norddeutschland. Zum Beteiligungsportfolio gehören unter anderem der Outdoor-Ausrüster Globetrotter, der Bio-Discounter Erdkorn und der Entwickler von Rudersystemen Becker Marine Systems. Anlass für eine Private Equity-Investition sind häufig Wachstumspläne, die die Unternehmen nicht aus eigener Kraft finanzieren können. Oftmals werden die Beteiligungsexperten jedoch auch bei Nachfolgeregelungen aktiv.

Bei der aktuellen Transaktion handelt es sich um das erste Investment des von der Haspa BGM verwalteten Mittelstandsfonds Hamburg, den die Haspa gemeinsam mit der KfW-Bankengruppe Ende 2006 gegründet hat. Der 25 Millionen-Euro-Topf wird zu 75 Prozent von der Haspa und zu 25 Prozent von der KfW gespeist. Investiert wird in Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens fünf Millionen Euro. Weitere Voraussetzungen: Das Unternehmen muss mindestens fünf Jahre bestehen, profitabel arbeiten und über ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell verfügen. Vorgesehen sind Investitionen zwischen 0,5 und 3,5 Millionen Euro. Insgesamt will der Mittelstandsfonds in den kommenden vier Jahren etwa 20 Beteiligungen eingehen.

Der Grund für die Auflegung des neuen Fonds: Die Eigenkapitalausstattung des deutschen Mittelstandes ist laut KfW und Haspa im internationalen Vergleich sehr gering. Auch in Hamburg könnten Wachstumspotenziale häufig nicht ausgeschöpft werden, weil die Unternehmen die notwendige Eigenkapitalausstattung nicht mitbringen. Hinzu kommt nach Angaben der Kreditinstitute: Viele Firmen suchen Nachfolgeregelungen außerhalb der Familie, geeigneten Managern jedoch fehlt häufig das für die Übernahme notwendige Geld. Nach Bayern und Hessen wurde die KfW deshalb jetzt auch in Hamburg aktiv.

Wie auch die Haspa BGM übernimmt der neue Mittelstandsfonds die Unternehmen nicht mehrheitlich, sondern beteiligt sich als Minderheitsgesellschafter. Das heißt: Der Unternehmer, der zum Beispiel wie Winnfried Grimm 55 Prozent an dem Unternehmen hält, bleibt Herr im Haus und leitet das operative Geschäft auch weiterhin eigenständig. „Wir sind eher passiv, das passt zu unserem Gesellschafter, der Hamburger Sparkasse“, erklärt Haspa BGM-Geschäftsführer Maximilian Schilling.

Ganz allein lässt er seine Geschäftspartner aber nicht schalten und walten. „Der Mittelstandfonds erhält ein Vetorecht. Er kann somit Entscheidungen abwehren“, erklärt Rechtsanwalt Thilo Rohde, der die Transaktion juristisch begleitet und die Verträge aufgesetzt hat. Das betreffe etwa die Jahresplanung, die gemeinsam besprochen werde, aber auch kurzfristiger beschlossene große Investitionen wie etwa den Erwerb eines weiteren Unternehmens.

Grimm, der laut dem Beteiligungsexperten Schilling Private Equity gegenüber aufgeschlossener ist als viele andere mittelständische Unternehmer, kann auch diesen Punkt positiv sehen. „Ich empfinde es nicht als Last oder Einschränkung, dass bestimmte Entscheidungen zustimmungspflichtig sind“, erklärt er. Als Involvierter neige man schließlich dazu, Entscheidungen zu positiv zu sehen. Da sei es nur gut, wenn man einen Partner habe, dem man erklären müsse, was man vor hat und warum. Grimm: „Das schützt auch vor Fehlentscheidungen.“

Als Niederlage will der Unternehmer das Hinzuziehen eines Investors schon gar nicht sehen. Grimm: „Es ist schließlich nicht so, dass ich alleine etwas nicht geschafft habe. Ich war ja im Gegenteil sehr erfolgreich.“ In den vergangenen Jahren sei sein Unternehmen sehr stark gewachsen, die Finanzierung aus eigenen Mitteln habe sich zunehmend als schwierig erwiesen – „nicht, weil wir kein Geld verdienen würden, sondern weil das Wachstum so groß ist.“ Mit dem Finanzinvestor im Rücken fühlt er sich vielen Mitbewerbern gegenüber in einer komfortablen Situation. So würden die Kunden und Lieferanten seiner frisch fusionierten Unternehmensgruppe sehen: „Die haben sich anders aufgestellt, es gibt einen Partner, der sicher stellen kann, dass die Liquidität erhalten bleibt und Wachstum finanziert wird.“ Grimm: „Das ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.“

 „Es macht natürlich einen riesigen Unterschied, ob man als Unternehmer einen Finanzinvestor hineinnehmen muss, weil das Eigenkapital aufgrund schlecht gehender Geschäfte aufgebracht ist, oder ob es um die Finanzierung von Wachstum geht“, erklärt auch Maximilian Schilling. Hier sei es schließlich um die Entscheidung gegangen, entweder frisches Eigenkapital aufzunehmen oder aber entsprechend langsamer zu expandieren. Schilling verdeutlicht: „Durch den Erwerb der Schaltex verdreifacht sich das Umsatzvolumen. Das ist ein Sprung, der sich aus eigener Kraft gar nicht darstellen lässt.“

Die Entscheidung der Haspa BGM für ein Investment steht und fällt mit den Managern eines Unternehmens. Grimm hat nicht nur durch die gute Entwicklung seines Unternehmens überzeugt, er hat aus Sicht der Haspa BGM auch eine interessante Karriere hinter sich. Bevor er sein eigenes Unternehmen gekauft hat, war er in der Geschäftsleitung eines privaten Konzerns in der Autozulieferer-Industrie mit fast 2500 Mitarbeitern tätig. Schilling: „Die Erfahrung beim Management großer Einheiten war uns wichtig.“ Schließlich sind weitere Unternehmenszukäufe nicht ausgeschlossen.

Auch die Lebensplanung des Unternehmers passt nahezu perfekt zu den Plänen der Haspa BGM. Grimm ist jetzt Mitte 50, der Mittelstandsfonds hat eine Laufzeit von zehn Jahren. Beide Parteien haben den Ansatz, über die nächsten fünf bis zehn Jahre die Unternehmensgruppe dynamisch aufzubauen und – wie Schilling es formuliert - „eine schöne Einheit zu schaffen.“

Was also auch bei näherem Hinsehen noch immer klingt wie die absolute Traumverbindung, wurde nicht zuletzt dadurch möglich, dass die Haspa BGM in ihrem Wirkungskreis stark vernetzt ist. Beispielsweise ist jedes zweite mittelständische Unternehmen im Umkreis von 50 Kilometern um die Alster Haspa-Kunde – so auch im aktuellen Fall die beiden Firmen Lewien und Schaltex.

Bei allen Schwärmereien über die vorbildlich gelaufene Transaktion soll jedoch nicht vergessen werden: Natürlich wollen die Haspa BGM und Winnfried Grimm auch Geld verdienen. Haspa BGM-Geschäftsführer Schilling erwartet bei derartigen Investitionen eine Rendite in der Größenordnung von 15 bis 25 Prozent. Schilling: „Dabei bewegen wir uns bei einer Verzinsung, die ein Unternehmer bei seinem Eigenkapital ebenfalls anstreben sollte.“

Da es trotz des langfristigen Ansatzes der Haspa BGM wie bei allen Private Equity-Finanzierungen früher oder später um den Verkauf des Investments geht, wurden von Anfang an verschiedene Exit-Szenarien vertraglich vereinbart. So hat Grimm zum Beispiel bei einer Veräußerung durch den Mittelstandsfonds ein Vorkaufsrecht. Sollte sich der Unternehmer jedoch entscheiden, die Beteiligung nicht zu erwerben, muss auch er unter Umständen gehen. „Das ist ein typisches Exit-Szenario, damit die Gruppe insgesamt veräußert werden kann“, erklärt der auf Transaktionsrecht spezialisierte Rechtsanwalt Thilo Rohde. Er ist überzeugt: „In diesem Fall sind die Bedingungen zwischen Unternehmer und Investor auf sehr faire Art gestaltet. Es gibt große Spielräume - sowohl in der unternehmerischen Entwicklung als auch im Hinblick auf einen späteren Ausstieg.“

Angesichts der Nähe der Haspa BGM zur Muttergesellschaft Hamburger Sparkasse betonen alle an der Transaktion  Beteiligten, dass Private Equity ein völlig anderes Geschäft ist als die Kreditvergabe. „Während die Kreditabteilung auf die Unternehmensentwicklung in der Vergangenheit schaut, blicken wir vor allem in die Zukunft“, erklärt zum Beispiel Schilling. „Wir partizipieren gleichmäßig an der Wertsteigerung und wir leiden gleichmäßig unter Verlusten. Wir sitzen mit dem Unternehmer in einem Boot.“

„Bei der Haspa BGM arbeiten keine klassischen Kreditmenschen, die Geld gegen Sicherheiten geben und den Zins als Risikoprämie verstehen“, beschreibt Rechtsanwalt Thilo Rohde seine Beobachtungen während der Zusammenarbeit. Und Winnfried Grimm bestätigt sofort: „Ich kann hier von Unternehmer zu Unternehmer diskutieren und verhandeln.“ In der Nähe von so genannten Heuschrecken-Investoren, die aus purer Profitgier und ohne Rücksicht auf Verluste mit Unternehmensanteilen jonglieren, kann Grimm seinen Investor nicht sehen: „Davon sind wir hier meilenweit entfernt.“

 

Beteilungsfinanzierung in der Sparkassen-Finanzgruppe

Die Haspa ist die größte Sparkasse Deutschlands. Mit ihrer Beteiligungsgesellschaft Haspa BGM geht sie Unternehmensbeteiligungen in Höhe von 0,5 bis zehn Millionen Euro ein. Dabei handelt es sich für eine Sparkasse um vergleichsweise hohe Summen.

So erklärt der Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), dass rund 50 Prozent aller Unternehmensbeteiligungen der Sparkassen im Jahr 2005 kleiner als 250 000 Euro waren. 90 Prozent blieben unter der Grenze von 2,5 Millionen Euro. „Das zeigt das Engagement der Sparkassen gerade zur Stärkung des Eigenkapitals auch im kleineren Mittelstand“, erklärt Irmtraud Lux, beim DSGV zuständig für den Bereich Beteiligungsfinanzierung.

Damit die Sparkassen als marktnahe Spieler auch im Wettbewerb mit großen, internationalen Investoren bestehen können, die sich zunehmend auch für den Mittelstand interessieren, macht sich der DSGV für schlagkräftige Zusammenschlüsse stark. Ein Best Practice-Beispiel ist etwa die Beteiligungsgesellschaft S-UBG Aachen, an der insgesamt sieben Sparkassen beteiligt sind. Für sinnvoll hält der DSGV zudem Kooperationen mit den Landesbanken.

Generell sehen die Sparkassen ihre Aktivitäten in erster Linie im Bereich von Minderheitsbeteiligungen sowie langfristige und nachhaltige Investments aus. „Großen Wert legen wir auch auf ein professionelles Management der Beteiligungsgesellschaften“, erklärt Irmtraud Lux.

 

ANDREA BITTELMEYER

 

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