Tomorrow 8/2004

Networking: Das Web als Beziehungskiste

Freunde in der Fremde, flüchtige Flirts oder Kontakte für die Karriere – Soziale Netzwerke sind vom Internet-Hype zum seriösen Trend gereift. Welches passt für wen? Wie hoch sind die Kosten? Der große Vergleich.

Was macht ein Franke in Berlin, wenn ihn die Sehnsucht nach der Heimat packt? Oder wenn er Verstärkung für seine Fußballmannschaft sucht? Sven Kellermann, gebürtiger Erlanger und als Student neu in der Hauptstadt, surft in solchen Fällen in der Kontaktbörse Myfriends. Über diese hat er bereits einige Erlanger in Berlin ausfindig gemacht. „Mit einem davon bin ich sogar gemeinsam runter gefahren – zu unserem traditionellen Bierfest“, berichtet er.

Um Mitfahrgelegenheiten nach Hause oder neue Kumpels zum Kicken zu finden, spricht Sven Kellermann keine wildfremden Menschen an. Anders als bei klassischen Kontakt- und Singlebörsen trifft er bei Myfriends nicht auf anonyme Anzeigen, sondern auf Profile von Menschen, mit denen er direkt oder zumindest über ein paar Ecken bekannt ist. Bei Myfriends handelt es sich um die größte deutsche Plattform für das so genannte Social Networking, den neuen Megatrend im Internet.

Weltweit sind bereits Millionen von Menschen dabei. Sie geben ihre Profile in speziellen Kontaktbörsen ein, die im Internet an allen Ecken und Enden entstehen. Dann laden sie ihre Freunde ein, die wiederum ihre Freunde anlocken. Nach dem Schneeballprinzip wachsen die Netzwerke rasend schnell. Ruck zuck wird die Zahl der Freunde, Freundesfreunde und deren Bekannten vierstellig. Besonders eifriger Nutzer landen sogar im fünf- oder sechsstelligen Bereich.

Die Mitglieder nutzen die virtuelle Kontaktbeschleunigung um einen Grillabend mit neuen Leuten zu organisieren, um Übernachtungsmöglichkeiten in anderen Städten aufzutun oder sich über die angesagtesten Partys auszutauschen. Geflirtet wird natürlich auch. „Es geht aber auf jeden Fall nicht nur um Kontakte fürs Bett“, betont Tilo Bonow, Sprecher von myfriends.de.

Losgetreten hat den Boom der Software-Ingenieur Jonathan Abrams. Der war im Sommer 2002 nach einer zerbrochenen Beziehung auf der Suche nach einem neuen Freundeskreis und einer neuen Frau. Das Angebot der klassischen Kontakt- und Singlebörsen enttäuschte ihn so schwer, dass er seine eigene Plattform entwickelte. Friendster startete im März 2003. Heute zählt Abrams bereits sieben Millionen Mitglieder, darunter zunehmend User aus Deutschland.

Ein böses Erwachen ist beim Kontakte knüpfen über Friendster & Co. unwahrscheinlich. Schließlich bleibt alles unter Freunden, Phantasieprofile, Lügengeschichten und Täuschungsmanöver fallen sofort auf. Von positiven Überraschungen hingegen berichten viele User. Zum Beispiel Laura Ohrndorf. Als die 20jährige Darmstädterin vor wenigen Monaten die Einladung zu Orkut – einer weiteren im Silicon Valley gestarteten Kontaktbörse bekam - wusste sie noch gar nicht, um was es ging. Aus Neugier loggte sich die Informatikstudentin ein und traf jede Menge Bekannte.

Zudem fand sich Laura Ohrndorf mitten in einem enormen Hype wieder. „Alle wollten da rein“, erklärt die Informatikstudentin. Und das umso mehr als Orkut, entwickelt von Orkut Buykkokten, seines Zeichens Software-Entwickler bei der Kult-Internet-Firma Google, nur geladenen Gästen Einlass gewährt. „Das hat schon etwas Elitäres“, sagt Laura Ohrndorf, die überrascht war, wie viel Fachwissen über Computer, Software und Internet sich in den Communities bündelt. Im Januar 2004 hatte Orkut 40 000 Mitglieder. Im Juni hatte sich die Zahl bereits verzehnfacht.

Orkut ist aber längst nicht die einzige Konkurrenz für Friendster. Auch andere Anbieter sind auf den Networking-Trend aufgesprungen. Einige davon kopieren Friendster einfach, andere tun sich mit besonderen Funktionen hervor. So ist bei meetup.com das Internet vor allem Mittel zum Zweck, um Gleichgesinnte im wirklichen Leben zu treffen. Weltweit haben sich mehr als 1,2 Millionen Menschen zu 4000 verschiedenen Themen registriert. Unter anderem vernetzt das Portal 116 000 Anhänger des demokratischen US-Präsidentschaftsbewerbers John Kerry. Die Treffen von durchschnittlich vier bis zwölf Personen finden bislang in 612 Städten statt. Darunter auch Hamburg, München, Berlin und Frankfurt.

Das relativ neue ICQ Universe ermöglicht es den Usern, sich nicht nur Nachrichten zu schicken, sondern über den Instant Messanger unverzüglich miteinander kommunizieren, Freundschaften zu schließen sowie Ideen und Informationen auszutauschen. Das ICQ Universe ist in weit das verbreitete ICQ-Netzwerk integriert, das täglich mehr als acht Millionen Mitglieder nutzen.

Wiederum andere Anbieter haben die schnelle Vernetzungsmöglichkeit für das Job- und Geschäftsleben entdeckt. In den USA heißt der nach eigenen Angaben größte Dienst für Manager und Freiberufler LinkedIn. Verbunden sind dort bereits mehr als 700 000 Mitglieder, alle zwanzig Sekunden tritt ein neues bei. Interessant ist das Forum auch für Jobsuchende: Viele Manager und Personalverantwortliche großer internationaler Firmen halten hier bereits Ausschau nach potenziellen Mitarbeitern.

In Deutschland netzwerkeln im Open Business Club des Hamburger Unternehmers Lars Hinrichs 100 000 User. „Über den Open Business Club wurden schon Firmen verkauft und gegründet, Dutzende von Jobs vermittelt und neue Projekte gestartet“, berichtet der Gründer.

Im Unterschied zu den meisten Tauschbörsen, die vollkommen kostenfrei sind, zahlen Premium-Mitglieder im Open Business Club knapp sechs Euro monatlich. Dafür stehen ihnen zahlreiche zusätzliche Suchfunktionen und ausgeklügelte technische Features zur Verfügung. Für die Zukunft sind sogar Videokonferenzen geplant. Und Lars Hinrichs freut sich darüber, dass er mit dem Open Business Club bereits jetzt schwarze Zahlen schreibt. Bei vielen der kostenlosen Anbieter steht die Frage nach dem Geld verdienen noch aus. Ob die Einnahmen aus der Werbung ausreichen, ist unklar. Einige denken immer wieder laut über Gebühren nach.

Björn Schotte, Mitglied im Open Business Club, ist überzeugt davon, dass sich für ihn der monatliche Beitrag lohnt. „Ich verbringe täglich eine halbe Stunde dort“, berichtet der Geschäftsführer der Mayflower GmbH, eines Dienstleisters für Software-Entwicklung. Einen großen Kunden hat er bereits über Kontakte aus dem Club gewonnen. Von seinem Profil aus verlinkt er auf 244 Mitglieder, mit denen er direkt in Verbindung steht, darunter viele Vertreter bekannter Unternehmen. Zum Kennenlernen setzt der Experte für Internetplattformen auf Empfehlungen von Bekannten sowie den Erfahrungsaustausch. „Ich habe auch bereits eigene Foren gestartet“, erklärt er.

Damit spricht Björn Schotte einen wichtigen Punkt beim Netzwerken an: Erfolgserlebnisse versprechen die virtuellen Kontaktbörsen in erster Linie den aktiven Mitglieder. Wer einfach sein Profil einstellt und auf ein dickes Geschäft wartet, wird sehr wahrscheinlich enttäuscht. Dasselbe gilt für eine zu plumpe Vorgehensweise. Einfach zu fragen: „Haben Sie mal einen Auftrag?“, ist natürlich auch nicht erfolgversprechend, wie Björn Schotte erklärt.

Kontakte knüpfen geht im Internet also schneller, hat aber ganz ähnliche Tücken wie im richtigen Leben. Und das gilt nicht fürs Geschäft, sondern auch fürs Flirten: „Immer muss ich ihn ansprechen“, berichtet eine verunsicherte Nutzerin des ICQ-Universe. Im Internet-Forum „Lovetalk“ fragt sie: „Heißt das, dass er nicht richtig auf mich steht? Oder kann es sein, dass er einfach nur schüchtern ist?“

ANDREA BITTELMEYER

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