Tomorrow 08/2002

Wirtschaftswunder eBay-Auktion

Wie sich Power Seller mit cleveren Ideen eine neue Existenz aufbauen

Ein überfüllter Kleiderschrank als Startrampe für den Erfolg? Bei Frauen jedenfalls beginnt die Geschichte oft so. Bei Männern sind es ausrangierte Computer oder die Comic-Sammlung – Dinge also, die sich wunderbar im Netz versteigern lassen. Durch den oft beachtlichen Nebenverdienst haben manche Web-Versteigerer sofort Blut geleckt: Sie machen ihr Hobby zum Beruf.

Zum Beispiel Frank Stelling aus Hamburg: „Ich habe mehr und mehr Zeit mit Online-Auktionen verbracht. Heute mache ich das hauptberuflich“, erzählt der 30jährige, der bei eBay unter dem Namen „Onlinehandel“ Computer-Hardware und Kleinelektronik verkauft. Stelling ist einer von etwa 1000 Power Sellern in Deutschland, die professionell ihre Ware über Internet-Auktionshäuser versteigern und damit Umsätze von einigen Tausend bis zu mehreren hunderttausend Euro monatlich erzielen.

Wie Stelling trifft man die meisten von ihnen beim Marktführer eBay, der den neuen Beruf bereits kultiviert: Der virtuelle Riesen-Flohmarkt mit in Deutschland bis zu 6,4 Millionen Besuchern pro Monat vergibt den Titel „Power Seller“ an Mitglieder, die in zwei von drei Monaten eines Quartals mindestens 2500 Euro umgesetzt haben. Die Professionalisierung treibt der Anbieter aus Dreilinden zudem mit der „eBay-University“ voran. Für 25 Euro können verkaufswütige Hobbyhändler dort einen Tag lang an ihrer Strategie feilen. Der erste Termin im Juni war ausgebucht. Für Herbst sind weitere Veranstaltungen geplant.

Tipps für Verkäufer gibt es seit Kurzem auch in Buchform von Marion von Kuczkowski, die ihre Boutique aufgegeben hat, um Kleidung nur noch online zu verkaufen. „Ich verdiene ein Vielfaches meines vorherigen Einkommens“, erklärt die 37jährige Berlinerin, die monatlich unter den Namen „karamas“ und „trading-house“ etwa 800 Auktionen abwickelt.

Power Selling ist kein Zuckerschlecken. „An manchen Tagen arbeite ich von neun Uhr morgens bis drei Uhr nachts“, erzählt von Kuczkowski. Es gibt Tage, an denen sie mit ihrer Mitarbeiterin in wenigen Stunden 75 Pakete verschicken muss. „Meine Boutique war dagegen ein Spaziergang“, sagt die Frau mit dem Faible fürs Online-Geschäft. Das gestiegene Arbeitspensum empfindet sie dennoch nicht als Last. Ihre Erklärung: „Ich bin frei.“ Verabschiedet hat sie sich nicht nur von geregelten Öffnungszeiten, sondern auch von einer beschränkten Produktpalette: „Einen Posten Computer würde ich auch verkaufen“, sagt sie.

Zur Beschaffung der Ware stöbern die Power Seller auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops, achten auf Sonderverkäufe und Restposten. Um auf diese Weise gute Gewinne zu erzielen, müssen sie den Markt im Blick haben. Von Kuczkowski berichtet von Damen-Wäsche, die sie in einem Factory-Outlet für 20 Euro erstanden hat. Sie wusste aus Erfahrung: Bei eBay bekommt sie dafür 40 bis 50 Euro.

Erfolgreiche Verkäufer zeichnen sich zudem durch Zuverlässigkeit und gepflegte Geschäftsmanieren aus. eBay-Power Seller wird nur, wer 100 Kundenbewertungen hat, von denen mindestens 98 Prozent positiv sind. „Sie müssen immer freundlich bleiben“, erklärt Uwe Marquardt, der bei eBay mit Comics und anderem „Fun Stuff“ handelt. Das sei manchmal gar nicht so einfach, etwa wenn einen Tag nach Eingang des Geldes die E-Mail komme: „Ey! Wo bleibt meine Ware? Willst Du mich beklauen?“

„Die Leute sind super anspruchsvoll“, sagt auch Sara Heckenberger alias „modadolcevita“, die mit Designer-Kleidung aus Italien ihren Lebensunterhalt verdient. Sie war zuvor selbstständige Webdesignerin und hat aufgrund der schlechten Auftragslage umgesattelt. Ihr Tipp: „Man muss ganz ehrlich sagen, wenn an der Ware etwas nicht in Ordnung ist“. Bei eBay bemängelt sie vor allem die hohen Gebühren. Heckenberger: „Ich zahle monatlich 600 Euro.“

eBay kassiert bei den Versteigerungen ordentlich mit. Zehn Milliarden Euro setzten eBay-Auktionäre im vergangenen Jahr weltweit um und spülten der Handelsplattform rund 800 Millionen Euro in die Kasse. Der Verkäufer zahlt bei abgeschlossenen Auktionen bis zu vier Prozent Provision. Die Einstellgebühren klettern je nach Einstiegspreis bis auf 2,40 Euro. Dennoch kommt für die meisten Power Seller ein Wechsel des Auktionshauses nicht in Frage. „Bei der Konkurrenz habe ich nur ein Zehntel der Zugriffe“, erklärt Marion von Kuczkowski.

Sonderkonditionen für die professionellen Händler gibt es bei eBay nicht. So kommt auch Hobbyhändler Helmut Michael mit fünf bis sechs Stunden Arbeit am Wochenende zuweilen auf den stolzen Verdienst von 1200 Euro. Sein schönster Verkauf war ein Modellbausatz. Kassiert hat er 250 Euro. Bezahlt hat er dafür einst 50 Mark.

ANDREA BITTELMEYER

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