TOMORROW 9/2003

Online bluffen: Der Poker-Boom im Internet

Ein Online-Zocker gewann die Poker-Weltmeisterschaft in Las Vegas. Sein Sieg macht das legendäre Kartenspiel im Web populär.

Chris Moneymaker hat seinem Namen alle Ehre gemacht. Der Amerikaner aus Spring Hill in Tennessee gewann die diesjährige Poker-Weltmeisterschaft in Las Vegas. Damit ist der 27jährige um 2,5 Millionen Dollar reicher.

Die Weltmeisterschaft fand bereits im Mai statt. Moneymakers Erfolg jedoch hält die Pokerszene noch immer in Atem. Der Grund dafür ist nicht die hohe Gewinnsumme. Und auch nicht der passende Name, der sogar sein echter zu sein scheint. Moneymaker erhitzt die Gemüter, weil er – bevor er nach Las Vegas reiste – noch niemals bei einem Turnier Auge in Auge mit seinen Gegnern gespielt hatte. Pokern hat er gelernt, indem er Stunden um Stunden im Internet zockte.

Und es gibt noch eine zweite Besonderheit an seinem Sieg: FĂĽr die Teilnahme an dem mit Abstand wichtigsten Poker-Turnier qualifizierte sich Moneymaker ĂĽber eine Vorausscheidung auf der Website Pokerstars.com. Das bedeutete fĂĽr ihn: Er konnte sich mit den weltbesten Spielern messen, ohne die 10 000 Dollar Startgeld aus eigener Tasche zu bezahlen. Er musste lediglich 40 Dollar fĂĽr das Turnier im Web investieren.

Die Aufregung um seine Person freut nicht nur Chris Moneymaker, ĂĽber den noch Wochen später in der New York Times berichtet wurde. Auch die Betreiber der Pokerräume im Internet dĂĽrften seinen Erfolg tĂĽchtig begossen haben. Denn durch Chris, den seine Freunde nur noch „Money“ nennen, wird Pokern im Netz populär. „Wir erwarten 20 bis 30 Prozent mehr Spieler“, sagt Rich Korbin, Marketing-Direktor von Pokerstars.com. 

Dabei ist Online-Poker ohnehin auf dem Vormarsch. In den vergangenen Monaten vermehrten sich die englischsprachigen Pokerräume fast so schnell wie sie von Suchmaschinen ausgespuckt werden. Auf bereits bekannten Seiten wie Paradisepoker.com, Partypoker.com und Pokerstars.com treffen sich in guten Zeiten mehr als 4000 Spieler. Mehrere hundert Tische sind dann voll besetzt. Wer keinen Platz mehr findet, trägt sich in eine Warteliste ein.

Pokern hat im Vergleich zu anderen Glücksspielen im Netz einen besonderen Reiz: Der Spieler spielt nicht gegen den Computer, sondern gegen Pokerfans aus aller Welt. An so genannten Multiplayer-Tischen treffen sich Menschen aus Las Vegas, Paris und London. Sie sehen den Namen, den Wohnort und den Kontostand ihrer Gegner. Sprüche klopfen können sie per Chatfunktion. Finster in die Augen sehen jedoch können sie sich nicht.

Die meisten der Spieler, die das Kartenspiel auch ohne das sprichwörtliche Pokerface genießen, kommen aus den USA. Steve Badger, ein ehemaliger Gewinner der Poker-Weltmeisterschaft, trifft im Web jedoch immer häufiger auch auf Pokerfans, die als Heimatstadt Berlin oder Hamburg angeben. Die Spielanleitung, die er auf seiner Website Playwinningpoker.com ins Deutsche übersetzt hat, wird täglich angeklickt.

Zu den Spielern aus Deutschland zählt Ecky, ein Croupier aus der Nähe von Frankfurt. Er loggt sich regelmäßig bei Paradispoker.com ein. „Das ist einfach und bequem“, sagt er. Der 30jährige pokert bereits seit drei Jahren online. Er schätzt, dass er in dieser Zeit etwa 3000 Dollar gewonnen hat.

Mit dieser Summe würde sich ein anderer deutscher Online-Zocker, ein Profi-Spieler aus dem Ruhrgebiet, längst nicht zufrieden geben. Der 44jährige Mathematiker, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat in einem Jahr bei Pokerstars.com etwa 45 000 Dollar verdient. Dafür spielt er jeden Tag zehn Stunden, meistens sogar an zwei Tischen gleichzeitig. Regelmäßig startet er auch bei Turnieren. Dabei konnte er schon einmal 20 000 Dollar auf einen Schlag einstreichen.

Bei einem Neuling dürfte die Spielbilanz jedoch ganz anders aussehen. Rich Korben von Pokerstars.com warnt: „Bei einem Anfänger kann das Geld sehr schnell weg sein“. Er empfiehlt unerfahrenen Spielern, zunächst mit Spielgeld zu pokern. Wer sich sicher fühlt, kann mit kleinen Geldeinsätzen den Nervenkitzel erhöhen.

Online-Pokern ist in Deutschland illegal. Der Grund: Die Anbieter sitzen meist in der Karibik und können keine deutsche Lizenz vorweisen. „Die Teilnahme ist grundsätzlich ein Straftatbestand“, erklärt Michael Terhaag. Dass ein Spieler strafrechtlich verfolgt wird, hält der auf Online-Recht spezialisierte Düsseldorfer Rechtsanwalt jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Er weist aber auf ein anderes Problem hin: „Wer sich von einer Glücksspielseite mit Sitz in Antigua oder Costa Rica betrogen fühlt, braucht gar nicht erst zu einem Anwalt zu kommen.“ Eine Rechtsverfolgung ist nicht zu empfehlen.

Wer in bekannten Pokerräumen spielt, muss Betrug von Seiten der Betreiber jedoch kaum fürchten. Die Anbieter verdienen, indem sie bei jeder Poker-Runde bis zu drei Dollar von den Einsätzen kassieren. Das ist für sie ohnehin ein äußerst lukratives Geschäft, wie der Szene-Kenner Steve Badger bestätigt: „Die würden einen Teufel tun und ihren Ruf gefährden.”

 

So funktioniert Online-Poker

1. Auf den Websites der virtuellen Pokerräume lässt sich eine kostenlose Software herunterladen. Diese wird auf dem Computer installiert.

2. Um im Spielgeld-Modus zu spielen, muss sich der Spieler anmelden, einen Spielernamen und ein Passwort eingeben.

3. Dann kann der Spieler in der Lobby einen Tisch auswählen und sich dort niederlassen. Gespielt wird meist eine Pokervariante, die sich „Texas Hold`em“ nennt. Dabei erhält jeder Spieler zwei Karten. Auf dem Tisch werden nach und nach fünf Karten ausgelegt. Gewonnen hat, wer mit seinen beiden Karten und den ausgelegten Karten zusammen das beste Blatt bilden kann.

4. Wer um echtes Geld spielen möchte, muss dieses erst auf ein Spielerkonto einzahlen. Möglich ist die Bezahlung mit bestimmten Kreditkarten, aber auch mit Online-Bezahldiensten wie Neteller (www.neteller.com) und Firepay (www.firepay.com).

5. Gewinne sammeln sich auf dem Spielerkonto. Auszahlungen mĂĽssen angefordert werden. Sie erfolgen entweder ĂĽber die Bezahldienste oder per Scheck.

 

ANDREA BITTELMEYER

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